Montag, 1. April 2019

Warum 20 Minuten Unpünktlichkeit zu den kostbarsten meines Lebens zählen

In Kürze jährt sich das Ereignis um den 08. April 2011 zum wiederholten Mal.
Noch heute bin ich dankbar und glücklich, jenen Geschehnissen durch Unpünktlichkeit entronnen zu sein. Eine lapidare Verzögerung von 20 Minuten hatte dafür gesorgt. 

Was damals geschah?

Ein Sandsturm hat auf der Autobahn A 19, südlich von Rostock zwischen Kavelstorf und Laage, zu einem der schlimmsten Unfälle in Mecklenburg-Vorpommern geführt. Bei einer Massenkarambolage kamen mindestens acht Menschen ums Leben, zahlreiche Leute wurden verletzt ... Die Zeitungen und Nachrichten berichteten ausführlich über dieses schreckliche Ereignis. 


Nur 20 Minuten früher, eine pünktliche Abfahrt von Berlin nach Rostock vorausgesetzt, wären mein Sohn und ich vermutlich selbst Betroffene gewesen. Auch nach all den Jahren denken wir oft an das Glück, das wir teilen, weil nur wenige Minuten zu den kostbarsten unserer Leben wurden. 

Doch lest selbst:

Am 08. April 2011 standen unsere Koffer und Taschen gepackt für ein verlängertes Wochenende in Rostock bereit. Mein Sohn und ich freuten uns auf seine Oma und die Ostsee. Aber an diesem Morgen  schien alles verflixt. Erst stieß ich am Frühstückstisch gegen meine gefüllte Kaffeetasse, peng. Dann trödelte mein Sohn mit einer Ausdauer, die ich so gar nicht an ihm kannte. Er fand seinen Lieblingsdino nicht, brauchte gefühlt eine Stunde im Badezimmer und hatte Schwierigkeiten beim  Anziehen der Socken. Ich war zunehmend verärgert, denn die pünktliche Abfahrt konnte ich vergessen. Eigentlich wollten wir gegen 13 Uhr in Rostock sein.

Wir starteten mit mehr als einer halben Stunde Verspätung.
Der Straßenverkehr in der Stadt hatte sich ebenfalls gegen uns verschworen. Erst auf der Autobahn  nach Wittstock entspannte sich die Lage. Ich fuhr ein paar Minuten heraus, holte aber die versäumte Zeit vom Morgen nicht mehr komplett auf. Irgendwann war mir endgültig klar, dass wir mit Verspätung am Zielort ankommen würden. 
Kurz vor Laage, etwa 13:15 Uhr, wiesen uns Schilder an, das Tempo zu drosseln, die Abfahrt zu nehmen und eine Umleitung durch Schwaan zu fahren. Schöne Unannehmlichkeit! Ein Stauende war nirgends in Sicht. Allerdings mutete die leere Gegenfahrbahn etwas seltsam an. Kein Fahrzeug kam uns von dort entgegen. Und das, was wir von Weitem bereits auf den Felder entlang der Autobahn gesehen hatten, stellte sich als Sand heraus. Überall lag feiner heller Sand, auch auf der Autobahn vor uns Richtung Kavelstorf/Rostock. Wegen dem bisschen Sand sollten wir eine riesige Umleitung fahren? Ich schimpfte, weil sich jeglicher Verkehr durch Schwaan wälzen musste und meine Verspätung erneut zunahm. 

Bei Ankunft am Ziel schloss uns meine Mutter kreidebleich in ihre Arme. "Gott sei Dank ist euch nichts passiert."
"Wieso?" 
"Ein Sandsturm fegte bei Kavelstorf über die Autobahn", erklärte sie uns mit Tränen in den Augen. "Es kam zu einer Massenkarambolage mit Toten und Verletzten." 
Ich drückte schweigend meinen kleinen Sohn an mich. Mir war sofort klar, bei pünktlicher Abreise von zu Hause wären wir beide mitten in die Unglücksstelle gerast.

Was auch immer für unsere Verzögerung gesorgt hatte - Schicksal, Zufall oder ein Schutzengel - ich war nie so dankbar um zwanzig Minuten Verspätung wie in jenen Augenblicken.
Seitdem nehme ich die Erkenntnis: Einfach mal inne zu halten! öfter wörtlich.
Sie hat eine besondere Bedeutung bekommen.

Es gibt Wichtigeres, als beständig durch Raum und Zeit zu hetzen - das LEBEN.

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